"Man kann sich hiervon überzeugen, wenn man beobachtet, wie die moderne Musikindustrie, als reine Soundindustrie, unterm dem Vorwand von Volksmusik die Pest überträgt und unter dem Vorwand der Popmusik Epidemien provoziert, die man nur als akustische Gegenstücke zur Spanischen Grippe würdigen könnte - und gegen die gibt es, wie man weiß, bis heute nicht die Spur eines effektiven Medikaments".

(Peter Sloterdijk, La musique retrouvée, in: Der ästhetische Imperativ. Schriften zur Kunst, Berlin 2014, S. 14)

 

In einer Zeit voller Lärm (Lärm = hörbarer Müll), in einer Zeit, in der Klänge am heftigsten missbraucht werden und die Musik von den meisten als bloße Unterhaltung oder noch schlimmer als triviale Klangberieselung verstanden wird, ist die Förderung einer neuen Kultur der Stille und des achtsamen Hörens äußerst notwendig.

 

Was uns in der technologisierten Welt umgibt ist der Terror des Lärms und die Diktatur des Trivialen. Muzak überall! In öffentlichen Lokalen, in Geschäften, im Taxi und im Bus...

Wenn Sie Menschen auf der Straße beobachten, werden Sie Erstaunliches feststellen. Der Blick der meisten ist fast immer nach unten gerichtet: auf den Bildschirm von Handys oder iPhones. Dazu kommen die Kopfhörer (die häufig auch eine Lärmbelästigung für andere Menschen sind...), um die Geschlossenheit der Welt gegenüber zu vervollkommnen. Augen und Ohren werden meistens von Informationsfluten überfordert, die für die psychophysische Balance des Menschen sehr schädlich sind.

 

Lärm ist eine besondere Art von Luftverschmutzung und insofern einer der gefährlichsten Krankheitserreger. Bereits im Jahre 1910 hatte der Mediziner Robert Koch gesagt: "Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest".

 

Wie kann man in einer lauten Welt sich überhaupt der Musik und der Kunst des Hörens widmen?

 

Die Fähigkeit, still und aufmerksam zu sein, ist die unentbehrliche Voraussetzung, um sich mit Musik beschäftigen zu können. Obgleich sie auch unterhaltsam sein kann, ist Musik kein frivoler Zeitvertreib, sondern eine existentielle Notwendigkeit, ein Weg zur Erkenntnis, eine wesentliche Komponente des kulturellen Lebens. Ohne Kultur ist der Mensch nichts, ohne Kultur gibt es keine Menschlichkeit.

 

Das Wort "Kultur" definieren zu wollen, ist gleichsam eine Donquichotterie... Simone Weil wagte es doch mit ihrem durchdringenden Scharfsinn: Kultur als Erziehung der Aufmerksamkeit (wobei sie die Aufmerksamkeit als innere Leerheit und Offenheit beziehungsweise als Freiheit von voreingenommenen Gedanken betrachtete).

Im phonosophischen Sinne könnte man den Satz der französischen Philosophin folgendermaßen umformulieren: Kultur als Erziehung der akustischen Aufmerksamkeit – des bewussten Hörens.

 

Das Herz der Phonosophie ist das Hören als Seinserfahrung.